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Süßes oder Saures!

Von Lea Kaiser, 11 Jahre

Die 12-jährige Sandra sprang auf ihr Fahrrad und radelte los. Endlich war es soweit, in genau 9 Stunden und 55 Minuten und 35 Sekunden würde das Halloweenspektakel anfangen. Sandra fuhr mit dem Rad in die Stadt, weil sie noch ein paar Süßigkeiten kaufen musste. Und natürlich, nicht zu vergessen, ihr Vampirkostüm. Die Süßigkeiten waren schnell gekauft, dann betrat sie die Spielwarenabteilung. Dort hatte man eine große Halloweenecke eingerichtet, in der Sandra alles fand, was ihr Herz begehrte: ein schwarzes, glänzendes Vampir-Kostüm, ein Gebiss mit herrlich spitzen Zähnen und einen gruseligen Fledermausring, dazu zwei blinkende Hörnchen in rot.

Sie lud ihre Schätze auf ihr Fahrrad, brachte sie nach Hause; anschließend fuhr sie zu ihrer Freundin Mira, die nur drei Straßen von ihr entfernt wohnte. Sandra und Mira kannten sich schon seit der Krabbelgruppe, ihre Mütter waren in ihrer Jugend sogar schon Freundinnen gewesen. Sandra und Mira besuchten dieselbe Grundschule und mittlerweile gingen sie in die sechste Klasse eines Mädchengymnasiums.


Die beiden Freundinnen freuten sich schon seit Wochen auf diesen Abend, weil sie dann entweder Süßigkeiten bekamen oder Streiche spielen durften. Sandra wurde von Mira schon ungeduldig erwartet und mit den vorwurfsvollen Worten: „Wo warst du denn nur so lange?“, empfangen. Sandra erwiderte: „Ich war in der Stadt einkaufen. Stell dir vor, ich habe sogar Zahnpasta besorgt.“ Darauf fragte Mira: „Wozu brauchen wir die denn?“ Sandra verdrehte leicht genervt die Augen und erklärte ihrer Freundin: „Den Leuten, die nix geben, schmieren wir Zahnpasta auf die Türklinke.“ „Auf fein, gute Idee, das wird richtig lustig!“, rief Mira begeistert. Die beiden Mädchen spielten noch ein bisschen „Stadt-Land-Fluss“ zusammen, um sich die lästige Wartezeit bis zum Beginn des Halloweenabends zu vertreiben.


Mira zog sich ihr Gruselkostüm an und machte sich mit Sandra auf den Weg zu ihr nach Hause. Dort kleidete sich Sandra auch sorgsam an. Anschließend schminkten sich die beiden Freundinnen. Sandra trug im ganzen Gesicht weiße Schminke auf, durch den Kontrast wirkten ihre dunkelbraunen Augen richtig bedrohlich. An beide Mundwinkel malte sie künstliche rote Blutspuren, so dass man meinen konnte, sie hätte mit ihren spitzen Vampirzähnen eben erst einen Menschen in den Hals gebissen. Auch Mira wirkte mit ihrem Hexenbuckel, ihrer dicken Warze auf der Nase und ihren unglaublich langen Fingernägeln wie eine echte Hexe. Nun sahen sie wirklich zum Fürchten aus! Um neunzehn Uhr waren sie am Brunnen mit vier weiteren Freundinnen aus ihrer Klasse verabredet.


Sie begegneten vielen Mädchen und Jungen aus ihrem Wohngebiet, auch sie waren alle verkleidet. Manche kamen als Kürbis, andere trugen ein Bettlaken, in das sie Löcher für die Augen geschnitten hatten, viele Kinder trugen spitze Hüte und lange Nasen. An den meisten Häusern bekamen sie Süßigkeiten, sodass ihre Taschen schon bald prall gefüllt waren. Nur selten schmierten sie Zahnpasta an die Türklinken.


Sie waren schon fast am Ende ihrer Tour angelangt, als sie am Ende der Straße, am Waldrand, ein düsteres Haus entdeckten. Sandra sagte. „Schaut mal, da hinten, am Wald, da steht doch noch ein Haus. Ob wir hier wohl Süßigkeiten bekommen?“ „Nein, da gehen wir nicht hin, das ist uns viel zu gefährlich. Wir gehen lieber nach Hause, denn wir haben sowieso genug Süßigkeiten bekommen“, erwiderte Alina, die immer bestimmte, was in der Gruppe der vier Mädchen, die mit Sandra und Mira zusammen lief, getan wurde. „Kommt, traut euch doch. Vielleicht wohnt hier ja auch gar niemand mehr. Wir können doch mal nachschauen!“, meinte Mira. „Also wir gehen dann, das ist uns hier zu blöd“, sagte Alina zickig. Beleidigt traten die vier Mädchen den Rückzug an.


Sandra und Mira näherten sich vorsichtig dem Haus. „Sollen wir da wirklich klingeln“, fragte Mira etwas verängstigt. „Komm,“ antwortete Sandra, „jetzt trau dich doch - oder bist du so wie Alina?“ Das wollte Mira nicht auf sich sitzen lassen und drückte zaghaft auf den Klingelknopf. Die Tür wurde geöffnet, heraus drang laute Musik. Ein  Mann mit langen, strähnigen Haaren stand vor den Mädchen. Sandra und Mira schauten sich verängstigt an, holten tief Luft und riefen dann ganz laut: „Süßes oder Saures!“. Der seltsame Mann drehte sich wortlos um und ging in den dunklen Hausflur, da geschah es:
Ganz leise wurde ein Kanaldeckel zur Seite geschoben und mit einem kaum hörbaren metallischen Klingen auf den Straßenrand gelegt. Von einem mächtigen Sog wurden die beiden Mädchen mit aller Kraft in den Kanal eingesaugt. Sie wurden regelrecht verschluckt.


Im Kanal war es stockfinster und von überall zogen unangenehme schweflige Gerüche auf. Sandra und Mira klammerten sich verängstigt aneinander fest. Sie waren vor lauter Entsetzen sprachlos und zitterten wie Espenlaub. Zum Glück fiel Sandra ein, dass sie eine Taschenlampe dabei. Sie knipste sie an und leuchtete nach oben. „Wie kommen wir hier nur je wieder hoch“, heulte Mira los. Sandra packte sie am Arm und sagte: „Komm, wir werden es schon irgendwie schaffen.“


Sie wollten gerade hinausklettern, als blitzartig ein glitschiger Tentakel nach ihnen griff. „Aaaaaaaaaaaaah“, schrieen sie wie aus einem Mund, doch das Monster ließ sich davon nicht beeindrucken. Es war dunkelgrün, hatte hunderte Fangarme, mit denen es Sandra und Mira fest umklammert hielt. Es hatte nur ein riesiges, vor Schleim triefendes Auge, das sich um 360 Grad drehen konnte. Es war vollkommen aussichtslos, dass sich die Mädchen alleine aus dieser misslichen Lage befreien konnten. Das widerliche Ungetüm zerrte sie hinter sich her, immer tiefer in die Kanalisation. Es war dunkel, alles war voller Schlamm, Schleim, es stank nach Moder. Sandra kreischte nur noch: „Hilfe, Hilfe, hört uns denn niemand?“, und auch Mira wimmerte nur noch verzweifelt. Das Monster schnaubte wie ein wilder Stier, doch auf einmal sank es mit einem lauten Aufschrei in sich zusammen. Es war, als ob es von einer Sekunde zur anderen immer kleiner würde. Zum Schluss floss es als ein Glibberhaufen, der nur noch so groß wie ein Papierkorb war, davon.


„Was sollen wir jetzt bloß machen?“, wimmerte nun auch Sandra verzweifelt. Mira schaute sie mutlos an und zuckte mit den Schultern. So vergingen viele Stunden und Minuten, in denen die Mädchen immer wieder um Hilfe riefen. Auf einmal leuchtete ein Polizist in die Öffnung des Kanals, als er die beiden Mädchen sah, rief er: „Da seid ihr ja endlich, wo steckt ihr denn, und was macht ihr überhaupt hier?“ Er ließ eine Strickleiter in die Tiefe hinab. Die Mädchen nahmen noch einmal alle Kraft zusammen und schoben sich Sprosse für Sprosse nach oben, bis sie endlich das Licht der Straßenlaternen erblickten. Von ihren Helloweengewändern tropften Schleim und Schlamm auf die Straße. Der Polizist fragte die Mädchen nach ihrer Adresse. Sie beschlossen zu Sandra nach Hause zu fahren. Über Funk verständigte er Miras Eltern.


„Wie haben Sie uns eigentlich gefunden?“, wollte Mira von dem Polizisten wissen. „Das habt ihr eurer Freundin Alina zu verdanken. Als sie und ihre Freundinnen sich von euch getrennt hatten, machten sie sich doch ein bisschen Sorgen, weil sie euch nicht mehr gesehen hatten. Deshalb kamen sie zur Polizeiwache und beschrieben mir, wo sie euch zum letzten Mal gesehen haben. Ich habe die Straße immer und immer wieder abgesucht und wollte gerade Verstärkung anfordern, als ich eure Hilfeschreie hörte“, sagte der Polizist.


Endlich kamen sie zu Hause an. Dort warteten auch schon Miras Eltern. Sie fielen ihnen überglücklich in die Arme. Nachdem die Mädchen geduscht waren und die Geschichte mehrmals in allen Einzelheiten erzählt hatten, übernachteten sie zusammen in einem Bett. Sie flüsterten noch lange und versuchten, trotz dieses gruseligen Ereignisses, ein bisschen zu schlafen.



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