Textwerkstatt Freie Texte
Im Aufzug
Von Lea Kaiser, 11 Jahre
Alicia sollte für ihre Mutter noch die letzten Silvestereinkäufe erledigen. Eigentlich wollte sie ja zu Hause bleiben und Musik hören. Aber ihre Mutter konnte in der Beziehung unerbittlich sein. Alicia überflog die lange Einkaufsliste. Sie setzte sich in die U-Bahn und stieg am U-Bahnhof Wittenbergplatz aus. Flink überquerte sie die Straße und stürmte ins KaDeWe, das größte und schönste Kaufhaus von ganz Berlin.
Als erstes kaufte sie Bleigießsets, Marzipanschweinchen, Glückskleeblätter aus Marzipan, Knicklichter, Knabberzeug; das übliche eben. Als letztes musste sie noch in die 4. Etage, dort gab es Batterien. Alicia stieg in den großen gläsernen Aufzug, er schimmerte golden, weil noch die Weihnachtsdekoration im ganzen Kauhaus leuchtete. Die Aufzugstür öffnete sich und eine Menge einkaufswütiger Menschen strömte heraus. Im Aufzug zurück blieb nur ein Mädchen, das gedankenverloren aus der riesigen Glasscheibe auf den Weihnachtsbaum, der wunderschön dekoriert war, blickte.
Alicia drückte gerade auf Schalter „4“ für die vierte Etage. Plötzlich erloschen im Kaufhaus alle Lichter. Die Rolltreppen blieben stehen. Auch der Aufzug. Wie kann das denn passieren, dachte sich Alicia. Auch das Mädchen, das am Fenster stand, schien verwundert. Alicia hatte sie zuvor noch nie gesehen. Das Mädchen war etwa elf Jahre alt und hatte fuchsrote Haare die stark leuchteten. Sie war deutlich größer als Alicia. „Wer bist du?“, fragte Alicia. „Mensch, hast du mich erschreckt. Ich heiße Amina und muss noch einkaufen. Eigentlich sollten das ja meine Eltern machen, aber weil ich gerade faul in meinem Bett gelegen habe, haben sie einfach gesagt: ‚Amina, mach das jetzt!’“ „Das haben meine Eltern auch gesagt“, erwiderte Alicia. „Was musst du denn noch besorgen?“, wollte sie wissen. „Batterien“, sagte Amina. „Ich auch“, lachte Alicia.
„Ich frage mich, warum wir hier stecken geblieben sind“, murmelte Amina. Sie schaute aus dem Glasfenster des Aufzuges. „Schöner Ausblick hier“, stellte Alicia fest. Auf einmal gab es einen heftigen Ruck und Amina und Alicia kreischten laut. Aus unerklärlichen Gründen donnerte der Fahrstuhl plötzlich in die Tiefe. Amina reagierte schnell und betätigte den „STOP“-Knopf im Aufzug, sodass er aus ebenso unerklärlichen Gründen kurz vor dem Aufprall stehen blieb.
„Erst sind wir stecken geblieben, und jetzt geht der Fahrstuhl nach unten. Ich fass’ es nicht“, sagte Amina entgeistert. Unten umgab sie eine rabenschwarze Dunkelheit. „Alicia, wo bist du?“, fragte Amina ängstlich und mit zitternder Stimme. „Hier.“ Die beiden tappten mit ausgestreckten Händen durch den Aufzug und fanden sich nach kurzer Zeit. „Gut, da bist du ja endlich“, seufzte Alicia erleichtert, als sie Aminas Hand entdeckt hatte. „Jetzt haben wir ein viel größeres Problem als vorhin. A) Wie kommen wir hier raus? Und B) Wie kann dieser Aufzug wieder nach oben?“, stellte Amina sachlich fest. „Ich habe wirklich keine Ahnung“, stöhnte Alicia. Sie berührte vorsichtig mit ihren Händen die Glasscheibe und hauchte leise: „Sesam öffne dich!“Nichts geschah. Dann versuchte es Amina. Als sie das Wort „öffne“ aussprach, flammten ihre fuchsroten Haare kurz auf. Alicia klappte vor Bewunderung den Mund auf und wieder zu. Amina war es gelungen, die Aufzugtür zu öffnen. „Komm schon“, sagte Amina zu Alicia, die immer noch wie verzaubert dastand.
Sie verließen den Aufzug. Plötzlich ging das Licht wieder an, sodass sie sich besser orientieren konnten. Im Aufzugschacht befanden sich Sprossen, an denen man nach oben klettern konnte. Flink wie Affen kletterten die beiden unzählige Sprossen nach oben. Als sie an den Sprossen das Schild „4. Etage“ lasen, sagte Alicia: „Hey, hier wollten wir doch hin, Amina, oder? Aber wie kriegen wir jetzt diese geschlossene Aufzugstür bloß auf?“ Amina lächelte geheimnisvoll. Wieder leuchteten ihre fuchsroten Haare und sie murmelte das Wort „öffne!“, und wie von Zauberhand öffneten sich die Glastüren des Aufzuges und die beiden Mädchen konnten unverletzt aus dem Schacht hinausklettern.
„Puh, da haben wir aber wirklich Glück gehabt“, meinte Alicia erleichtert, „aber das mit dem Aufzug, das ist noch so eine Sache. Komm, wir müssen unbedingt zum Geschäftsführer des Kaufhauses gehen und ihm von dem Vorfall im Aufzug berichten!“ Die beiden Mädchen rannten Hand in Hand zum Informationsschalter und verlangten energisch, dass sie mit dem Geschäftsführer sprechen durften. Dieser staunte nicht schlecht, als er die Geschichte der beiden Mädchen hörte. Er rief sofort ein Spezialistenteam an, die den Aufzug wieder auf Trab bringen sollten. „Eigentlich sind wir doch hierher gekommen, um Batterien zu kaufen“, erinnerte sich Amina. „Ja, du hast Recht! Das habe ich in der Aufregung ganz vergessen“, erwiderte Alicia. Schnell flitzten die Mädchen in die Elektronik-Abteilung und besorgten die Batterien.
„Du, ich muss jetzt aber wirklich nach Hause“, stellte Alicia nach einem Blick auf ihre Uhr fest. „O ja, ich auch“, murmelte Amina. „Ich wünsche dir und deiner Familie einen guten Rutsch ins Neue Jahr“, rief sie Alicia hinterher. „Das wünsche ich dir auch“, lächelte Alicia sie an. „Wie wär’s, wenn wir unsere Adressen tauschen würden, dann könnten wir uns im Neuen Jahr mal treffen“, schlug Amina vor. „Oder gleich noch besser, was macht ihr heute Abend?“ „Och, nichts Besonderes, ich bin mit meinen Eltern wie jedes Jahr alleine zu Hause“, seufzte Alicia ein bisschen traurig. „Ja, das ist aber schade. Was hältst du davon, wenn wir zusammen feiern. Wir haben auch nichts vor, denn wir wohnen noch nicht lange hier in der Stadt. Meine Eltern freuen sich immer, wenn sie neue Leute kennen lernen. Ich kann sie bestimmt von dieser Idee überzeugen“, Aminas Stimme überschlug sich vor Begeisterung. „Ja, prima Idee!“, jubelte nun auch Alicia. Schnell tauschten sie ihre Adressen und Telefonnummern aus und rannten nach Hause.
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